Wildtierforum: Jagd 4.0 contra Naturerlebnis?

Technisierung und Digitalisierung der Jagd - Darum ging es beim Wildtierforum am 17.5.2018. Die Veranstaltung in der Schloßberghalle in Dettingen unter Teck war gut besucht.

Erstellt am 18.05.2018

Mit dem Thema seines diesjährigen Wildtierforums hat der Landesjagdverband BW e.V. nach Ansicht des Jagdreferenten im MLR, Bernhard Panknin, eines der derzeit aktuellsten Themen im jagdlichen Bereich aufgegriffen. Mit über 160 Jägerinnen und Jägern und Behördenvertreter war die Veranstaltung in der Schloßberghalle am 17.5.2018 sehr gut besucht.

 

Am Vormittag stand die Praxis im Vordergrund:

Berufsjäger Roman von Fürstenberg stellte nützliche digitale Jagdhelfer wir z.B. Wetter-Apps oder Ortungsapps vor. HRL Holger Fiedler berichtete über erfolgreiche und tierschutzgerechte Fangjagd mit elektronischer Unterstützung, RJM Rupprecht Walch stellte die Kitzrettung mihilfe von Drohnen und Wärmebildkamera des Deutschen Wachtelhundvereins vor.

Geschäftsführer Daniel Jahnke der Fa. Jahnke Nachtsichttechnik brachte „Licht in das Dunkel“ der verschiedenen technischen Systeme und stellte deren Vor-und Nachteile vor. Lisa Rauscher vom MLR BW lieferte dann den rechtlichen Rahmen für den Einsatz solcher Geräte und erläuterte, wie die Ausnahme, die der geänderte § § 9 Abs. 2 DVO JWMG in die Praxis umgesetzt werden soll (Darüber wird der LJV separat informieren, sobald wir die entsprechenden Unterlagen des MLR haben!). 

 

Am Nachmittag stellte RA Markus Heinrich dar, was beim Einsatz von Wildkameras aus Sicht des Datenschutzes zu beachten ist und welche rechtlichen Anforderungen beim Einsatz von Drohnen wichtig sind.

 

Bei den beiden Referenten aus Österreich, Prof. Dr. Werner Beutelmeyer aus Linz und Prof. Dr. Klaus Hackländer aus Wien ging es um die Einordnung der neuen Technik in das Wertesystem der Jagd. 

Beutelmeyer hatte dazu im Vorfeld des Wildtierforums 300 Jägerinnen und Jäger in Österreich und 400 aus Baden-Württemberg mit einem umfangreichen online –Fragebogen befragt über ihre Anforderung an sich selbst als Jagende, ihre Einschätzung der Erfüllung der Ansprüche, ihre Kenntnisse, ihre Einschätzung und ihre Nutzung von Technik bei der Jagd. Ernüchterndes Ergebnis: die Ansprüche, die selbst gestellt werden, sind hoch, werden aber nicht in allen Bereichen erfüllt. Neuen technischen Möglichkeiten stehen rund zwei Drittel der Befragten positiv gegenüber und rechnen damit, dass „Jagd 4.0“ sich durchsetzen wird. Beutelmeyer konstatiert nüchtern: Die technischen Möglichkeiten ersetzen handwerkliche Fähigkeiten nicht, diese werden durch neue Technik eher vernachlässigt, der Respekt vor Natur und Kreatur erfährt durch neue Technik keine Aufwertung. Die Gefahr besteht, dass durch eine Technisierung Handwerk, Natur und v.a. ursprüngliches Naturerlebnis auf der Strecke bleiben.

Diese Gefahr sieht auch Hackländer sehr deutlich. Er legte dar, dass die Jäger heute immer mehr zum Dienstleister für andere gemacht und unter Druck gesetzt werden. Jäger agieren heute deshalb in vielen Bereichen zwar verantwortungsbewußt ohne allerdings selbst verantwortlich zu sein (z.B. ASP-Prävention, Kormoran, Wolf…). Dabei kommt zu kurz, dass Jagd v.a. nicht ausschließlich zweckgebundenes Naturerlebnis ist. Prüfstein für die Anwendung neuer Technik muss sein, ob diese der naturnahen und nachhaltigen Nutzung dient und die Waidgerechtigkeit fördert.

 

In seinem Schlußstatement stellte LJM Dr. Jörg Friedmann fest: Jagd 4.0 ist in der Jägerschaft angekommen, technische Hilfsmittel können jagdliches Handwerks ergänzen, aber Technik nimmt auch Einfluss auf die jagdliche Realität und die Wahrnehmung der Natur. Wer Technik nutzt, sollte sich fragen, welchen Nutzen er daraus zieht, aber auch welche Auswirkungen dies auf sein jagdliches Erleben hat Wild, Jagd und Natur sind ein Geschenk für Jägerinnen und Jäger und liefern vielfältige ursprüngliche Eindrücke und Erlebnisse. Jeder der jagt muss deshalb zunächst abwägen, welche Rolle und welchen Stellenwert der Einsatz von Technik in seinem jagdlichen Weltbild und in seinem jagdlichen Empfinden einnehmen soll. Bei der Anwendung der Technik brauchen wir aber auch Grenzen, die nicht allein durch gesetzliche Vorgaben geregelt werden können. Wir brauchen deshalb auch eine Weiterentwicklung des Begriffs der Waidgerechtigkeit –sozusagen „Waidgerechtigkeit 2.0“.

 

 

 

Erstellt am 16.05.2018
Zurück zur Übersicht