225 Millionen Euro für mehr Biodiversität

Der Landesjagdverband hat heute gemeinsam mit 14 weiteren Verbänden bei einer Pressekonferenz mehr Unterstützung für die Landwirtschaft gefordert.

  • Foto: René Greiner

    Foto: René Greiner

Erstellt am 11.10.2019

„Das Artensterben auf Äckern und Wiesen kann gestoppt werden – mit einer Agrarförderung, die Biodiversitätsleistungen ausreichend vergütet und auch kleine Landwirtschaftsbetriebe zielgenau unterstützt“, fasst der NABU-Landesvorsitzende Johannes Enssle die gute Nachricht der heutigen Pressekonferenz zusammen. Auf 63 Seiten legen die Landesverbände von NABU, BUND, LNV, die Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau, die Bodensee-Stiftung Landesjagdverband, Landesschafzuchtverband, der Landesverband für Obstbau, Garten und Landschaft, Naturfreunde und Schwäbischer Albverein, „Vorschläge zur Weiterentwicklung der Agrarförderung in Baden-Württemberg“ auf den Tisch. Insgesamt fordern die Verbände 225 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich in den beiden wichtigsten Agrarförderprogrammen des Landes, FAKT (Förderprogramm für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl) und Landschaftspflegerichtlinie (LPR). Fünf weitere Verbände und Organisationen unterstützen das Vorhaben.

Die von den Verbänden in Auftrag gegebene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die derzeitigen Förderprogramme für die Landwirtschaft grundsätzlich geeignet sind, die Biodiversität zu stützen, es aber dringenden Weiterentwicklungsbedarf gibt: „Die grün-schwarz geführte Landesregierung ist angetreten, den drastischen Artenschwund zu stoppen und eine Trendumkehr einzuleiten. Dafür wurden bereits einige sinnvolle Maßnahmen ergriffen, wie zum Beispiel das ‚Sonderprogramm zur Stärkung der biologischen Vielfalt‘. Allerdings reichen diese Maßnahmen bei weitem nicht aus. Wenn der dramatische Verlust der Artenvielfalt wirklich gestoppt werden soll, braucht es deutlich größere Anstrengungen und den massiven Ausbau der Förderprogramme für die Landwirtschaft, wie wir es mit unserer gemeinsamen Studie vorschlagen“, sagt der Vorsitzende des Landesnaturschutzverbandes (LNV), Gerhard Bronner.

Die Verbändestudie macht konkrete Vorschläge für die Weiterentwicklung der Agrarumweltprogramme FAKT und LPR. Zudem berechnet sie den finanziellen Mehrbedarf für die Programme, damit diese wirklich wirksam werden: „Damit die guten Ansätze der Landesförderprogramme FAKT und LPR nicht nur punktuell, sondern auf der gesamten Landesfläche wirken können, hat die Studie einen Mehrbedarf von 225 Millionen Euro pro Jahr ermittelt. Das sind 20 Euro pro Einwohner und Jahr für Rebhuhn, Feldlerche und Feldhase, für eine attraktive Kulturlandschaft und gesunde Lebensmittel und für überlebensfähige Bauernhöfe. Das muss es uns doch wert sein!“, schließt Landesjägermeister Jörg Friedmann.

Die BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender ergänzt: „Uns ist klar, dass wir die Biodiversität in unserer Kulturlandschaft nur gemeinsam mit den landwirtschaftlichen Betrieben erhalten können. Mit unserem Volksbegehren „Rettet die Bienen“ fordern wir zwar weniger Pestizide und einen besseren gesetzlichen Schutz der Kulturlandschaft, doch solange die Verbraucherinnen und Verbraucher an der Ladentheke nicht bereit sind, mehr für naturverträglich hergestellte Lebensmittel zu bezahlen, brauchen unsere bäuerlichen Familienbetriebe die finanzielle Unterstützung des Staates, um landwirtschaftliche Produktion und Naturschutz zusammenzubringen.“ Der Erhalt der Artenvielfalt habe Verfassungsrang, deshalb sei es auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ihn zu garantieren, so Dahlbender.

Der Vorsitzende des Landesschafzuchtverbandes (LSV), Alfons Gimber, erläutert einige Schwierigkeiten bei der aktuellen Förderung: „Das Problem ist, dass viele Fördersätze in den Programmen der Landesregierung ökonomisch unattraktiv und in der Beantragung zu bürokratisch sind. Das schreckt viele Schäfer ab. Gerade für Schafweiden, schwer zu bewirtschaftende und kleinteilige Flächen, die für die Artenvielfalt aber häufig besonders wertvoll sind, trifft das zu.“ Ein anderes Manko wird bei den ökologisch besonders wertvollen Streuostwiesen sichtbar: „Mit mehr als neun Millionen Obstbäumen besitzt Baden-Württemberg die größten zusammenhängenden Streuobstbestände Europas. Damit hat das Land eine besondere Verantwortung für den Erhalt dieser wertvollen Kulturlandschaft. Rund 5.000 Tier- und Pflanzenarten kommen in diesen Lebensräumen vor. Die meisten dieser Flächen gehören jedoch Privatbesitzern, die von der landwirtschaftlichen Förderung überhaupt nicht erreicht werden. Es braucht hier also Veränderungen, um die vielen Stücklesbesitzer*innen im Land zu motivieren, ihre Streuobstwiesen zu erhalten. Unsere Studie schlägt daher vor, die bisherigen Initiativen zur Streuobstvermarktung intensiver zu unterstützen und die Pflege von Streuobstbeständen zu verbessern“, sagt Johannes Enssle. Das von rund 120 Organisationen unterstützte Volksbegehren Artenschutz „Rettet die Bienen“ fordert die gesetzliche Unterschutzstellung von Streuobstwiesen. Dies stehe nicht im Widerspruch zu einer Unterstützung aus den Agrarförderprogrammen, betont Johannes Enssle. „Das Gegenteil ist der Fall: Der Status als gesetzlich geschütztes Biotop ermöglicht es, Streuobstwiesen über die Landschaftspflegerichtlinie zu fördern. Dies bedeutet mehr Geld – nicht nur für Landwirte, sondern auch für Privatpersonen.“

Bestehende Maßnahmen, wie zum Beispiel die Förderung des ökologischen Landbaus, funktionieren bereits heute recht gut. Der Trend hin zu mehr Öko war auf der Fläche in den letzten Jahren stets zweistellig. Ein Acker- und Grünlandbetrieb, der auf Bio umstellt, erhält in den ersten zwei Jahren eine Umstellungsprämie von 350 Euro und für die Folgejahre dann 230 Euro. Im Sonderkulturenanbau weichen die Prämien etwas ab. „Die Zahlungen sind notwendig und gerechtfertigt, denn der Bioanbau bringt nachweislich deutliche Vorteile für die Natur“, sagt der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau, Christian Eichert. „Die Gesellschaft fordert eine deutliche Ausweitung des ökologischen Landbaus. Und auch die Landesregierung hat sich mit dem Ziel 30 Prozent bis 2030 klare Ziele gesetzt. Das Volksbegehren Artenschutz fordert sogar 50 Prozent bis 2035. Damit diese Ziele erreicht werden können, muss die Landesregierung die dafür notwendigen Mittel bereitstellen und die notwendige Begleitmusik anwerfen.“ Konkret nennt Eichert hier die Kombinationsmöglichkeit unterschiedlicher Agrarumweltmaßnahmen, begleitende Maßnahmen zur Nachfragesteigerung, die sukzessive Umstellung staatlicher Flächen und landwirtschaftlicher Landesanstalten und eine Kampagne zum Einsatz ökologischer Erzeugnisse in öffentlichen Kantinen.

 

Erstellt am 11.10.2019
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