Erfahrungsaustausch zur Kitzrettung

Im Rahmen der Jagd und Fischerei Messe Ulm fand ein Erfahrungsaustausch zum Thema Kitzrettung statt.
Sechs Kitzrettungsprojekte aus Baden-Württemberg, Bayern und der Schweiz stellten den über 70 Teilnehmern ihre Systeme und ihre Erfolge vor.

  • Foto: Sophia Lorenzoni

    Foto: Sophia Lorenzoni

Erstellt am 05.11.2019

Nach der Begrüßung durch Dr. Christina Jehle vom LJV stellte Barbara Schmidle, die 1. Vorsitzende der Rehrettung Hegau-Bodensee e.V., die Arbeit des Vereins vor. Seit der Gründung 2015 haben die 20 aktiven Helfer bei 211 Einsätzen knapp 300 Kitze vor dem Mähtod gerettet, davon alleine 186 in diesem Jahr.

Schmidle und die anderen Referenten betonten mehrmals, dass die enge Zusammenarbeit zwischen Kitzrettern, Landwirten und Jagdausübungsberechtigten essentiell für den Erfolg der Einsätze ist. Dabei ist es hilfreich, wenn man aktiv auf die Beteiligten zugeht und sie auf die Möglichkeit der Kitzsuche hinweist. Eine weitere Möglichkeit ist das Aufhängen von Plakaten mit den entsprechenden Hinweisen und Kontaktdaten.

Wichtig ist auch die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben wie Kennzeichnungspflicht, Drohnenführerschein und eine Luftfahrthaftpflichtversicherung. Außerdem müssen beim Fliegen in der Nähe von Bundesstraßen und Naturschutzgebieten bestimmte Einschränkungen beachtet werden.  

Empfohlen wird die Markierung der Kitze mit Ohrmarken – die Wildforschungsstelle stellt gerne Marken und Zangen zur Verfügung.

Limitiert werden die Einsätze durch das recht enge Zeitfenster für die Suche in den frühen Morgenstunden zw. 4 Uhr und ca. 9 Uhr. Danach ist der Temperaturunterschied zwischen Kitz und Umgebungstemperatur zu gering, um die Kitze noch eindeutig mit der Wärmebildkamera zu im hohen Gras zu identifizieren.

Eine Lösung für dieses Zeitproblem stellte „der fliegende Wildretter“ Dr. Martin Israel vor. Als Wissenschaftler beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt forscht er seit acht Jahren hauptberuflich über Rehkitz-Rettungs-Systeme und hat auch darüber promoviert. Im Zeitraum von 2012 bis 2018 hat er insgesamt 316 Kitze gefunden.

Im Nebenberuf entwickelt er spezielle Wildretter-Drohnen („Thermal Drones GmbH“). Er stellte sehr anschaulich die Vor- und Nachteile diverser Systeme und Flugarten vor. Er hat das System der Georeferenzierung mit einer speziellen Flug- und Auswertungssoftware kombiniert, wodurch eine deutlich höhere Flächenleistung beim Suchflug möglich ist. Durch die Übermittlung der Fundstellen an ein GPS-Gerät oder Smartphone kann der Jagdausübungsberechtigte im Anschluss ohne Unterstützung durch die Drohne die Kitze aufsuchen, während der Drohnenpilot schon die nächste Wiese abfliegen kann. Der größte Vorteil seines Systems ist aber die Bildverbesserung der Thermalbilder durch einen speziellen Algorithmus. Dadurch können auch bei Sonnenschein Kitze zuverlässig im hohen Gras detektiert werden.

Die Software („Wildretter-App“) sowie ein Komplettsystem mit Drohne und Wärmebildkamera sollen im nächsten Frühjahr auf den Markt kommen.

Bruno Holliger stellte die Arbeit der Rehkitzrettung.ch vor, die von 2010 bis 2017 ein Projekt der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften war und seit 2017 in einem Verein „Rehkitzrettung Schweiz“ mit 140 Mitgliedern und ca. 50 aktiven Piloten weitergeführt wird. Der Verein bildet neue Rettungsteams in einer dreiteiligen Ausbildungsreihe aus und hat sich der Entwicklung von neuen Methoden zur effizienten Rettung von Kitzen verschrieben. Seit 2012 wurden durch die Einsätze der Piloten in der ganzen Schweiz 1145 Kitze gefunden, davon alleine 751 im Jahr 2019. Besonders hervorzuheben ist die Anmeldung und Auszeichnung der zu suchenden Flächen direkt durch die Landwirte über ein Portal im Internet. Damit können die Drohnenpiloten die Flugstrecke vorab planen und die Drohne entsprechend programmieren.

Auf seiner Homepage www.rehkitzrettung.ch stellt der Verein eine detaillierte Anleitung zur Zusammenstellung der Drohne mit Wärmebildkamera zur Verfügung.

Im Anschluss stellte die Jagdgesellschaft Berg aus dem Kreis Ravensburg ihr Projekt zur Rehkitzsuche vor. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von elf Pächtern, die insgesamt 2450 ha jagdbare Fläche betreuen und im letzten Jahr 70 Kitze gefunden haben. Interessant war die Finanzierung des Drohnensystems, die zu 50% durch die Gemeinde und zu 50% von den Jagdgenossen der Gemeinde Berg übernommen wurde, so dass für die Jagdgesellschaft keine Anschaffungskosten angefallen sind.

Manfred Lochbühler berichtete über das Drohnenprojekt der KJV Biberach. Nach zwei sehr erfolgreichen Jahren wurde in diesem Jahr eine zweite Drohne von der KJV Biberach erworben, die über Spenden finanziert wurde.

Hans-Jörg Andonovic-Wagner aus Göppingen ist zwar kein Jäger, aber begeisterter Drohnenpilot (www.wildflug.eu). In Zusammenarbeit mit den örtlichen Jagdpächtern engagiert er sich seit diesem Jahr mit gutem Erfolg in der Kitzrettung. Er stellte die Frage der Bezahlung der Drohnenpiloten, die allerdings von den anderen Teilnehmern größtenteils verneint wurde.

In der Abschlussdiskussion wurde nochmals auf die Finanzierungsmöglichkeiten eingegangen. Es gibt verschiedene Projekte, die sich via Crowdfunding im Internet finanziert haben. Andere bekamen das Geld aus dem Tierschutzetat der örtlichen Bank und von der Jagdgenossenschaft. Die Jägervereinigungen Böblingen und Leonberg bekommen die Drohne des Katastrophenschutzes vom Landratsamt für ihre Einsätze zur Verfügung gestellt.

Allen Teilnehmern war sehr wichtig, dass die Rechtslage beachtet wird. Die Landwirte sind nach dem Tierschutzgesetz verpflichtet dafür zu sorgen, dass den Rehkitzen vermeidbare Leiden und Schmerzen durch den Mähvorgang erspart bleiben. Sie müssen daher Sorge tragen, dass die Wiese vor dem Mähen in welcher Form auch immer abgesucht wird.

Wenn in fremden Revieren Kitze gesucht und in Sicherheit gebracht werden, fällt das unter den Begriff „Jagdausübung“. Es bestand daher Einigkeit, dass der Jagdausübungsberechtigte unbedingt über die geplante Kitzrettungsaktion informiert werden muss und sich auch daran beteiligen sollte.

Der Landesjagdverband erstellt in den nächsten Monaten eine Broschüre mit allen wichtigen Punkten zur Kitzrettung. Auch eine Übersicht der verschiedenen technischen Komponenten ist in Planung. In diesem Zuge werden nochmals die rechtlichen Vorgaben und Möglichkeiten für Sondergenehmigungen für den Drohneneinsatz dargestellt.  

Die Landesjagdschule bietet im Frühjahr 2020 einen weiteren Kurs zur Rehkitzrettung mittels Drohnen an, Interessenten können sich bereits jetzt schon bei der Landesjagdschule dafür vormerken lassen.

 

Dr. Christina Jehle

Erstellt am 07.11.2019
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