Als am 3. Januar erstmals eine katzenähnliche Gestalt auf der Wildkamera an einer Schwarzwildkirrung im Schönbuch zu sehen war, machte sich Manuel Scheible noch keine Gedanken. Das Bild war verschwommen, es hätte auch ein Waschbär sein können. Doch das Tier kehrte wieder – und nach und nach wurde dem Jäger klar: Das muss eine Wildkatze sein! „Die klassischen Merkmale, der buschige Schwanz und der Aalstrich, wurden von Bild zu Bild immer besser erkennbar“, berichtet er.
Dass seine Sichtung im Herrenberger Stadtwald so außergewöhnlich ist, war ihm zu Beginn nicht einmal bewusst. „Nachdem der Revierförster aber direkt hellhörig wurde, habe ich die Bilder an die FVA geschickt." Die bestätigten den Verdacht, doch um sicher zu gehen, war eine genetische Überprüfung notwendig. Eine Kombination aus Wildkamera und Lockstab – einem mit Baldrian präparierten, aufgerautem Stock, der die Wildkatze in der Ranzzeit anlockt und an dem ihre Haare gut haften bleiben – sollte Sicherheit bringen. Gemeinsam mit der zuständigen Forstrevierleiterin verteilte Manuel Scheible großräumig Lockstäbe und Wildkameras.
Zunächst einmal passierte nichts. Doch dann endlich, am 28. März, ließ sich das Tier wieder blicken – 500 Meter entfernt von der Stelle, wo die Katze im Januar abgelichtet wurde. „Zwei bis dreimal war sie dort zu sehen, auf einer Aufnahme hat sie den Lockstab so richtig umarmt“, berichtet Scheible. Die einer Wildkatze ureigenen Merkmale waren eindeutig zu erkennen – und spätestens seit der „Umarmung“ war auch genug Material am Lockstab haften geblieben, um eine Haarprobe an die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) schicken zu können. Danach hieß es erst einmal: Warten. Doch dann meldeten sich die Wissenschaftler mit dem sicheren Ergebnis: Ja, es ist eine reine Wildkatze – und es ist ein Weibchen. Eine Sensation, denn dies war seit Jahrzehnten der erste gesicherte genetische Nachweis einer Wildkatze im Schönbuch. Lange Zeit war unklar, ob es dort überhaupt noch ein Vorkommen gibt.
„Es gab bereits seit vielen Jahren Sichtungen, jedoch keinen Beleg, kein gutes Foto“, berichtet Sabrina Streif von der FVA. Das änderte sich erst durch das Foto von Manuel Scheible. „Die Wildkatze ist im Schönbuch angekommen. Das nachgewiesene Tier ist weiblich, eine Reproduktion ist also möglich. Wir müssen hoffen, dass sich eine Population etabliert, der Schönbuch bietet der Wildkatze einen geeigneten Lebensraum“, erklärt Streif.
Die Wildkatze war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland nahezu ausgerottet. Heute steht es wieder etwas besser um sie. Erstmals gesichert wiederentdeckt wurde sie in Baden-Württemberg durch zwei Totfunde 2006 und 2007. Seither wurde die Kenntnis über die Verbreitung der Wildkatze in BW durch jährliche Monitoringbemühungen kontinuierlich erweitert.
Bemühungen zahlen sich aus
Die Wildkatze ist dem Schutzmanagement des JWMG unterstellt und hat somit als jagdbare Wildart keine Jagdzeit. Jägerinnen und Jäger tragen mit ihrer Unterstützung im Wildtiermonitoring und Hegemaßnahmen in ihren Revieren aktiv zum Schutz dieser Art bei.
„Grundsätzlich ist die Entwicklung positiv, die Wildkatze breitet sich kontinuierlich in Baden-Württemberg aus, mittlerweile an vielen Orten wie entlang der Rheinebene, im Odenwald, im Süd- und Hochschwarzwald – oder nun wieder auch im Schönbuch“ sagt Sabrina Streif. Seit dem Nachweis Ende März hat sich die Katze im Schönbuch jedoch nicht mehr blicken lassen, doch im Frühjahr soll die nächste Beobachtungsphase starten: „Wir werden das Monitoring ausbreiten und noch mehr Lockstäbe auf größerer Fläche verteilen“, sagt Manuel Scheible.
Die Situation nimmt keinen Einfluss auf die Jagdausübung im Herrenberger Stadtwald. „Wir haben ohnehin ein modernes Konzept mit kurzen Bejagungsintervallen. Das kommt auch der Wildkatze zu Gute, die viele Monate im Jahr ihre Ruhe hat“, sagt Scheible. In den Tiefen des Schönbuchs sind zudem nur selten Besucher unterwegs – ein weiteres Plus.
Über die Wildkatze und deren Nachweis haben sich Manuel Scheible und seine Mitjäger sehr gefreut. „Es ist etwas Schönes, da diese Art hier früher heimisch war und jetzt wieder da ist. Und auch, dass man das Vorkommen nachweisen konnte, dass nach aller Arbeit so ein Ergebnis steht. Niemand hätte mit der Wildkatze gerechnet. Hätten wir sie nicht fotografiert, wäre sie wahrscheinlich nicht entdeckt worden.“
Viele Hybriden in BW
Die Freude über den Nachweis war auch auf Seiten der FVA groß – insbesondere auch darüber, dass es sich um eine reine Wildkatze handelt und nicht um einen Hybriden. „Die Hybridisierung, die Verpaarung von Wild- und Hauskatze, ist mittlerweile in Baden-Württemberg ein riesiges Thema, in anderen Bundesländern aber kaum“, berichtet Sabrina Streif. Gerade dort, wo die Wildkatze nie ausgestorben war, wo es riesige Waldflächen gibt, kommt eine Hybridisierung nur selten vor. Hauskatzen gibt es jedoch überall. Dort, wo die Wildkatzendichte gering ist oder die Landschaft stark fragmentiert, von Straßen und Siedlungen durchzogen ist, erscheint ein Aufeinandertreffen von Haus- und Wildkatze wahrscheinlicher. Aktuell erforscht die FVA, wo es schwerpunktmäßig zur Hybridisierung kommt. Der Schluss liegt nahe, dass beispielsweise bei einem Wildkatzenvorkommen in tiefen Wäldern eine natürliche Barriere zwischen den Arten erhalten bleibt. Die Rate an Hybriden liegt in Baden-Württemberg jedoch stellenweise bei 90 Prozent. Wo sich dieser Trend ausbreitet, droht die Wildart verloren zu gehen.
Um den Bestand dieser waldgebundenen Wildart in Baden-Württemberg zu erhalten und zu erweitern, muss sie neue Gebiete erreichen können. Das bedeutet auch, dass sie neue Waldgebiete über das Offenland erreichen kann. Dafür braucht die Wildkatze bestimmte Strukturen, wie bachbegleitende, gehölzreiche Vegetation, die auch zur kalten Jahreszeit, in der die Art hauptsächlich wandert, Schutz bietet. Das birgt jedoch Konflikte, weil dieses Lebensraumkonzept den lebensraumverbessernden Maßnahmen von Offenlandarten dort zuwiderlaufen kann, wo sich die Flächen überschneiden. „Geeignete Wanderwege für die Wildkatze braucht es aber nicht überall. Wir haben bereits sehr gute Korridorkonzepte, das sind die wichtigsten Achsen – dort, wo der Fokus auf einem waldverbindenden Biotopverbund liegt und auch andere waldgebundene Tierarten wie Baummarder und Rothirsch wandern können“, sagt Sabrina Streif. Eine andere Säule ist die Kastration der Hauskatzen. „Die Kastrationspflicht sollte endlich auch in der Katzenschutzverordnung in den Gemeinden implementiert werden. Gäbe es keine unkastrierten Hauskatzen, gäbe es kein Problem mit der Hybridisierung“, sagt Streif.
Hybrid in der Falle
Doch wie soll mit den Hybriden umgegangen werden? Das ist manchmal gar nicht so einfach, wie Teresa Bistritz in diesem Sommer erfahren musste. Am 9. August um 7.23 Uhr vermeldete eine ihrer Betonrohrfallen einen Fang im Revier der engagierten Niederwildhegerin. Doch als Teresa Bistritz kurz darauf ankam, warteten in der Falle weder Fuchs noch Waschbär, sondern eine Katze. Mit ihrem weißen Bauch, den weißen Pfoten und der Blässe im Gesicht sah sie aus wie eine typische Hauskatze. Eigentlich wäre die Jägerin verpflichtet gewesen, die Katze wieder freizulassen, doch sie zögerte: Das Tier war verletzt, hatte unter anderem eine alte Verletzung an der Hüfte. Zudem befand sie sich in einem Wildkatzengebiet mitten im Nirgendwo. „Ich kann sie nicht einfach aussetzen“, dachte sich Teresa Bistritz, fotografierte das extrem aggressive Tier und schickte das Bild einer befreundeten Jägerin, einer Tierärztin. Die Katze gelangte über Umwege in die Tierklinik, die Jägerin schien ihre Pflicht nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt zu haben, doch nach einiger Zeit erfuhr sie: Der BUND hatte sich eingeschaltet. Sie waren überzeugt, das Tier zu kennen. Es soll sich um einen Hybrid handeln. Der Kater, der mittlerweile im Zoo untergekommen war, müsse umgehend unkastriert ausgesetzt werden. Die Kommunikation verlief holprig, Teresa Bistritz versuchte, Brücken zu bauen und holte die FVA mit ins Boot. Ein neuer genetischer Test wurde angeordnet, doch die Analyse konnte mehrere Wochen brauchen. Zu lange, um die Katze weiter dem Stress der Gefangenschaft auszusetzen. Die Entscheidung fiel: Basierend auf der Annahme, dass es sich um einen Hybrid mit sehr hohem Wildkatzenanteil handelt, wurde der Kater freigelassen.
Rechtlich gesehen ist das der richtige Weg. „Diese Hybriden sind, weil sie Anteile der Wildart in sich tragen, streng geschützt“, erklärt Sabrina Streif. „Hätte ich das gewusst, hätte ich den Schieber aufgemacht, aber die Katze war verletzt und hatte einen weißen Bauch“, erklärt Teresa Bistritz und ergänzt: „Ich hätte nie gedacht, dass die Katze unkastriert wieder frei gelassen wird.“ Sich in diesem Fall an die FVA zu wenden, ist absolut richtig. Diese unterstützt Jägerinnen und Jägern bei Funden oder Verdacht mit fachlicher Expertise und kann eine rechtssichere Einschätzung geben.
Katharina Daiss (LJV)
Wildkatze im Revier?
Wollen Sie den Verdacht, versehentlichen Fang oder ein Foto einer möglichen Wildkatze melden, können Sie sich direkt an Sabrina Streif von der FVA wenden. Diese Hinweise sind wertvoll für das Wildtiermonitoring – und bereits auf vielen Fotos ist gut zu erkennen, ob es sich um eine Wildkatze handelt. Ansprechpartner, Unterscheidungsmerkmale zwischen Haus- und Wildkatze sowie weitere Informationen finden Sie in der FVA-Broschüre „Wildkatze und Jagd“.

