Schon als kleiner Junge streifte Markus Schuler durchs Revier: Beide Uropas und sein Vater waren Jäger mit Leib und Seele. „Ich bin da voll reingewachsen, auch ins Reviersystem“, sagt er. Seit fast 30 Jahren jagt er nun selbst, ist seit Jahren Pächter und vertritt die organisierte Jägerschaft im Raum Hechingen als Kreisjägermeister.
Viel hat sich verändert in dieser Zeit: Steigende Temperaturen, anhaltende Dürreperioden und Schädlingsbefall belasten die Wälder zusehends. Die aufwändige Wiederbewaldung der daraus entstandenen Kalamitätsflächen mit klimaresilienten Baumarten ist eine Jahrhundertaufgabe. Nur gemeinsam können Jäger, Förster und Waldbesitzer diese Herausforderung meistern – unter Berücksichtigung der Bedürfnisse des Wildes.
Im Revier Schlatt im Zollernalbkreis funktioniert der Waldumbau dank eines durchdachten Jagdkonzepts sowie einer engen Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Forst und Jagd bereits sehr gut. „Mit Blick auf den Waldumbau setzt der Forst auf Naturverjüngung und zusätzlich auf das Einbringen klimaresilienter Baumarten wie Eiche, Ahorn oder Kirsche und so weiter“, sagt Revierleiter Jürgen Baumer. Rund 300 Hektar ist das Revier groß, der Waldanteil – hauptsächlich Kommunalwald – überwiegt leicht. „Das Revier bietet alles, was man sich an Struktur wünschen kann, von der Wacholderheide bis zum Steilhang“, sagt Schuler. Die Buche ist die Hauptbaumart in dem Revier am Albtrauf, vereinzelt gibt es auch noch Fichtenmonokulturen, die immer mehr von Trockenheit, Stürmen und Käferbefall dahingerafft werden. „Aus waldbaulicher Sicht müssen wir auf diese Stellen ein besonderes Auge haben, denn diese Flächen müssen mit klimaresilienten Baumarten bepflanzt werden.“
Auch als Kreisjägermeister der Kreisjägervereinigung Hechingen ist Markus Schuler sehr bemüht, Brücken zu bauen: „Man muss ein gutes Miteinander auf Augenhöhe pflegen. Das ist wahnsinnig wichtig, denn Forst und Jagd sind auf derselben Fläche unterwegs. Das eine kann nicht ohne das andere. Selbst der beste Förster bringt seinen Wald ohne den Jäger nicht hoch“, erklärt er.
Vertrauen und Austausch
Der Austausch zwischen Jagd und Forst läuft vorbildlich: Sie stehen in einem fortwährenden Dialog und wechselseitigem Austausch. „Spätestens alle zwei bis drei Wochen haben wir Kontakt. Ein guter, konstruktiver Austausch ist wichtig.“ Zu diesem guten Verhältnis gehört auch, dass ihm als Jäger bewusst sein muss, dass er ein wichtiger Baustein für einen erfolgreichen Waldumbau ist. „Ohne den Jäger funktioniert es nicht. Ich muss nicht mit der Axt durch, aber mit Verstand.“
„Das Zusammenspiel und die Kommunikation klappt hervorragend im Landkreis Hechingen“, bestätigt auch Revierleiter Jürgen Baumer. Das Ziel, einen gesunden Mischwald zu erreichen, geht nur in Zusammenarbeit. Diese ist vor Ort natürlich gewachsen und von einem großen Vertrauen zwischen Förstern und Jägern geprägt. „Man muss an einem Strang ziehen und im Austausch miteinander bleiben“, erklärt Baumer. Der Revierleiter muss wissen, was in den Jagdrevieren passiert – der Pächter muss aber auch informiert sein, was im forstlichen Bereich geschieht, wann beispielsweise Holz eingeschlagen wird. Wichtige Informationen sind dabei auch, wo Naturverjüngungsschwerpunkte gesetzt werden sollen, wo aufgeforstet wird. Wissen wir Jäger vor Ort, wo diese Stellen sind, können wir in diesen Bereichen verstärkt jagen – ganz einfach. „Das ist ein Geben und Nehmen“, fasst Baumer zusammen.
Jäger und Förster müssen sich beide ihrer Verantwortung bewusst sein: „Der Forst hat auch eine Verantwortung für das Wild – nicht nur für den Wald. Und es braucht die Bereitschaft des Forstes, einen Mittelweg zu gehen. Denn nur so kann es langfristig funktionieren. Und die Jägerschaft muss ihre Schlüsselrolle beim Waldumbau erfüllen. Wer soll’s denn machen außer wir? Wir müssen verstehen, wie der Wald umgebaut werden soll und wir müssen bereit sein, Verantwortung zu übernehmen“, sagt Markus Schuler.
Unentbehrlich ist dabei der ehrliche Umgang miteinander: „Problembehaftete Flächen muss man sich objektiv miteinander anschauen und miteinander darüber sprechen“, sagt der KJM. Er kennt sein Revier, seine Strukturen – und er weiß auch, wie anziehend frisch gepflanzte Baumarten wie Elsbeere, Douglasie, Robinie und Eiche in einem Wald, der zu 90 Prozent aus Buche besteht, auf einen Selektierer wirken. Dass Rehe Pflanzen fressen ist das Natürlichste der Welt. Der punktuelle Verbiss im Revier Schlatt ist im Rahmen – das Ziel ist vielmehr, die Naturverjüngung ohne Zäune hochzubringen – und es funktioniert. „Seit Jahren haben wir keine Flächen mehr gezäunt“, sagt Schuler.
Entscheidend für diesen Erfolg ist eben die gute Zusammenarbeit von Jagd und Forst – aber auch ein durchdachtes Jagdkonzept. Auf die Flächen, auf denen die Naturverjüngung hochkommen soll, muss man sich konzentrieren. „Wir hatten vor drei Jahren im August einen schlimmen Sturm im Zollernalbkreis, der einige Hektar niedergelegt hat. Vor allem Fichtenbestände waren betroffen. An diesen Flächen wird aufgeforstet – und an jeder Fläche steht eine Ansitzeinrichtung.“, sagt Markus Schuler. Dabei kommen die Jäger auch nicht umhin, an manch einer Problemstelle einen Einzelschutz anzubringen. Nicht aus Plastik – das ist auch dem Revierleiter wichtig – „… aber dann streich' ich halt die Bäumchen, ganz ohne geht es auch nicht“, sagt Markus Schuler und führt aus: „Dafür gibt es andere Ecken, die bereits aus dem Äser gewachsen sind, dort kann man den Jagddruck rausnehmen. Die Aufgabe der Jägerschaft ist es nicht, das Reh auszulöschen, sondern einen Bestand zu haben, in dem Wald und Wild in Einklang miteinander gebracht werden können.“
Gejagt wird zudem ausschließlich in Intervallen: „Wir legen eine Schwerpunktbejagung aufs Frühjahr im Mai, hauptsächlich werden Jährlinge und vereinzelt Schmalrehe bejagt. Das nächste Intervall ist zur Blattjagd. Da gilt es den mehrjährigen Böcken“ erklärt Markus Schuler. Nach einer Pause bis Mitte/Ende Oktober erfolgt der stärkste Rehwildabschuss im November und Dezember in einem Zwei-Wochen-Rhythmus – ohne, dass man ständig präsent ist. „Bei uns im Revier streben wir ein Geschlechterverhältnis von 1:2 an. Wir wissen, dass ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis angestrebt werden sollte. In der Praxis ist das aber nur schwer zu realisieren. Den gesunden Rehwildbestand erkennen wir auch an den Durchschnittsgewichten von 18 und 20 Kilo bei aufgebrochen adulten Stücken und 10 bis 13 Kilo bei Kitzen.“ Die Intervalljagd führt auch dazu, dass das Rehwild tags sichtbar ist – trotz Freizeitdruck. „Durch die Intervalljagd hast du’s gegeben, dass die Rehe schon kurz nach 15 Uhr austreten“ erklärt Markus Schuler.
Auch wenn im November und Dezember verstärkt das Rehwild bejagt wird, wird es auf den Drückjagden größtenteils geschont. „Wir führen im Zuge der ASP-Prävention revierübergreifende Drückjagden durch. Dabei wird das Rehwild eher verhalten freigegeben. Beim Ansitz kann ich mir Zeit lassen und sauber ansprechen.“
Seit über 15 Jahren wird das Revier Schlatt mit Schwerpunkten und in Intervallen bejagt. "Früher war das Revier 600 Hektar groß und in mehrere Pirschbezirke aufgeteilt, seit Jahren ist es nun in zwei Reviere zu 300 Hektar aufgeteilt. Wir in unserem Revier bejagen die gesammelte Fläche zusammen, ohne interne Grenzen. Es gibt nicht Deinen oder meinen Hochsitz. Im Rahmen dieser Umstellung haben wir uns über ein ganzheitliches Konzept Gedanken gemacht.“
Hegemaßnahmen sind unerlässlich
Teil des Konzepts sind auch alternative Äsungsangebote und Rückzugsmöglichkeiten: „Wir haben wahnsinnig viele kleine und Kleinst-Wildäcker in den Revieren, die wir alle selbst angelegt haben. Insgesamt sind hier 2,5 Hektar Wildacker punktuell auf Flächen von 15 bis 20 Ar verteilt. Dort finden die Rehe Unterschlupf und Äsung – ohne dass sie sich ständig ins Gehege kommen. Das Rehwild ist territorial, das muss berücksichtigt werden. Ich muss denken wie ein Reh.“
Das Wissen um die forstlichen Maßnahmen kann auch für diese Hegemaßnahmen genutzt werden: „Der Forst schlägt in gewissen Intervallen ein. Dort, wo beispielsweise Rückewege nicht genutzt werden, kann ich einen kleinen Wildacker anlegen“ erklärt Markus Schuler.
Ein weiterer Baustein sind die Weiterbildung und die Öffentlichkeitsarbeit der Jägerschaft. „Ich muss die Menschen mitnehmen – und das auf Augenhöhe.“ Schon in der Jagdausbildung muss vermittelt werden, dass die Zeiten des täglichen Abendansitzes zur immer gleichen Uhrzeit vorüber sind. „Der größte Fehler ist dann noch, 20 Minuten vor Dunkelheit in der Spätdämmerung abzubaumen, weil man halt nichts mehr sieht. Die Rehe bekommen das mit – und kommen immer später.“
Die Jägerschaft muss Verantwortung übernehmen – auch fürs Reviersystem. Jungjäger und Jäger, die das Konzept noch verstehen lernen müssen, sollten zu Sammelansitzen und Revierarbeiten eingeladen werden und mit eigenen Augen sehen: Das System funktioniert.
Auch die Öffentlichkeitsarbeit darf nicht vernachlässigt werden. „Wenn wir die Leute nicht mitnehmen, verlieren wir sie“, erklärt Markus Schuler. Die Jägerschaft muss mit den Waldnutzern in den Dialog gehen, ihnen die Auswirkungen ihres Tuns erklären, wenn beispielsweise zur Brut- und Setzzeit abseits der Wege marschieren oder der Hund im Januar Rehe hetzt. „Wir müssen auf die Leute zugehen, offen sein und auf Augenhöhe kommunizieren.“
Katharina Daiss (LJV)

