Jedes Jahr werden in vielen Regionen rund um den Hubertustag am 3. November Hubertusmessen gefeiert. Diese Tradition entstand vermutlich im 19. Jahrhundert in Frankreich und Belgien und etablierte sich ab den 1950er Jahren auch im deutschsprachigen Raum [1]. Die meist von Parforcehornklängen gerahmte Gottesdienstform kann einerseits als heilige Messe gefeiert werden, hat sich aber auch in protestantischen Kontexten als Wortgottesdienst oder Konzertveranstaltung mit geistlichen Elementen verbreitet.
Erinnert wird damit an die Geschichte des heiligen Hubertus von Lüttich, der als Schutzpatron der Jäger und Forstleute gilt. Unzählige Legenden ranken sich um sein Leben. Gesichert bekannt ist allerdings nur das Datum seines Todes am 30.05.727. Offenbar wurde er bereits im 10. Jahrhundert als Jagdheiliger verehrt [2]. Die bekannte Legende, die im Rahmen der Hubertusfeiern häufig erzählt wird, wurde wohl als Wanderlegende, die auch dem hl. Eustachius zugeschrieben wird, ab dem 14. Jahrhundert auf Hubertus übertragen.
Ein steiler Aufstieg
Hubertus wird um das Jahr 655 in Toulouse geboren. Als Sohn eines Herzogs gelangt er als junger Mann an den Hof des Fürsten Theoderich von Burgund. Der Name Hubertus bedeutet „der durch seinen Geist Glänzende“, und die Überlieferung weist darauf hin, dass Hubertus tatsächlich ein besonders kluger Kopf gewesen ist, weshalb er alsbald ins Kreuzfeuer verschiedener höfischer Intrigen gerät.
Man missgönnt ihm seinen Erfolg und das Vertrauen des Fürsten. Also muss der so geschasste fliehen und findet Zuflucht am Hofe König Pippins, dem der kluge und bedächtige Hubertus so gut gefällt, dass er ihn als obersten Palastbeamten einsetzt. Und das Glück ist ihm auch im Privatleben hold – Hubertus heiratet Floribana von Löwen, eine kluge und schöne junge Adlige. Alles scheint perfekt.
Schmerz und Neubeginn
Dann ereilt Hubertus ein Unglück. Bei der Geburt ihres ersten Sohnes stirbt Floribana. Hubertus hadert mit seinem Leben, wird mutlos und verliert die Bodenhaftung. Den kleinen Floribert will er gar nicht sehen und betäubt seinen Schmerz mit allerhand Ausschweifungen. Wie ein Wilder geht er auf die Jagd und macht selbst an Feiertagen keine Pause. An einem Weihnachtstag streift er auf der Suche nach Beute durch die Wälder der Ardennen.
Als seine Hunde einen kapitalen Hirsch aufspüren und Hubertus schon den Bogen spannt, um ihn zu erlegen, bleibt dieser zu Hubertus Überraschung direkt vor ihm stehen. Zwischen seinen Geweihstangen leuchtet ein Kreuz. Hubertus sinkt zu Boden und hört eine Stimme, die ihn mahnt, das ewige Leben nicht zu vergessen. Betroffen macht Hubertus kehrt, hängt Pfeil und Bogen an den Nagel, studiert Theologie und wird schließlich Bischof.
Er widmet sein Leben den Nöten von Armen und Kranken, verschenkt sein Vermögen und wird schließlich in Lüttich begraben. Ob er als Theologe auch noch hin und wieder zur Jagd gegangen ist, davon ist nichts überliefert. Aber wenn, dann sicher mit Bedacht und im Sinne der Waidgerechtigkeit, an deren Grundsatz die heutigen Hubertusmessen alljährlich erinnern. [3]
Den Frieden suchen
Was macht die sagenumwobene Geschichte des Hubertus für uns heutige Menschen so aktuell? Ich denke es ist dies: Die Legende erzählt davon, wie ein Mensch durch einen Schicksalsschlag in eine tiefe Krise fällt und Maß und Ziel seines Lebens aus den Augen verliert.
Durch eine Begegnung in der Natur kommt er zur Besinnung und findet zu dem zurück, was wirklich zählt: Ehrfurcht vor dem Leben und Achtung vor seinen Mitgeschöpfen. Insofern ist diese Legende eine kleine Lebensschule auch für uns. Einerseits erinnert sie im Blick auf ein ganz persönliches Leben daran, dass auch in Momenten der Verzweiflung Neuanfänge möglich sind. Daran, dass es nicht nur darum geht, Erfolge zu erzielen und momentane Bedürfnisse zu stillen, sondern unser Leben ein verdanktes und Teil von etwas Größerem ist, das in der Sprache der Religion „Schöpfung“ genannt wird. Andererseits gemahnt sie uns auch, dass wir Verantwortung tragen, uns für den Erhalt dieser „Schöpfung“ einzusetzen – für ein friedliches und gerechtes Miteinander, für den Schutz der Natur, für Artenvielfalt und Klimaschutz.
Eben dafür, den „Frieden zu suchen“, wie es in Psalm 34 heißt: Sowohl in unserem persönlichen Leben, als auch in gesellschaftlichen und politischen Kontexten, da, wo unsere Stimmen Gehör finden können.
Den Schöpfer im Geschöpfe ehren
Der Grundsatz der Waidgerechtigkeit sagt genau dies: Das, was wir tun – auf der Jagd und im Alltagsleben hat Konsequenzen für den Lauf der Welt und unser Zusammenleben. Auch kleine Dinge haben eine Bedeutung.
Nichts ist einfach gleichgültig und es hilft zu einem guten Leben, sich selbst und seine Mitgeschöpfe mit Würde und Respekt zu betrachten und so „den Schöpfer im Geschöpfe“ zu ehren. Daran erinnert Hubertus und das Feiern der Hubertusmessen bringt dies auf wunderbare Weise zum Ausdruck.
Dr. Anna Scholz
Über die Autorin
Dr. Anna Scholz studierte Ev. Theologie in Berlin und Marburg und wurde 2021 mit einer Arbeit zu anthropologischen und theologischen Fragen im Umfeld des Todes promoviert. Sie ist Pfarrerin an der Stadtkirche Darmstadt und geht seit 2018 in einem Revier nahe Marburg auf die Jagd. Außerdem ist sie Mitglied der Jägervereinigung Marburg e.V. und dort gemeinsam mit ihrem Mann für Website und Vereinszeitschrift zuständig.
Quellen
[1] Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Hubertusmesse, abgerufen am 04.10.2026, 10.45
[2] Vgl. Eberl, I., Art. Hubertus in Religion in Geschichte und Gegenwart, Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft Bd.3, 4. Auflage Tübingen 2000,1919f.
[3] Die Hubertusgeschichte ist nacherzählt in Anlehnung an Grün, A.: Hubert: Entscheide dich für das Ziel deines Lebens in ders.: Fünfzig Helfer in der Not – Die Heiligen fürs Leben entdecken, 8. Auflage Freiburg 2008, 89ff.

