Tipps zur Nachsuche: Nach dem Schuss bleibt die Verantwortung

Was tun, wenn das Wild nach dem Schuss flüchtet? Nachsucheführer Marco Sautter von der KJV Reutlingen erklärt, worauf Jägerinnen und Jäger vor dem Schuss, am Anschuss und während einer Nachsuche achten sollten.

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Wenn bei Marco Sautter das Telefon klingelt, ist die Situation meist dieselbe: Ein Schuss ist gefallen, das Wild geflüchtet. „Die wichtigste Regel lautet: Jeder unklare Schuss auf eine Kreatur verpflichtet zur Nachsuche“, sagt der erfahrene Nachsucheführer. Ob man glaubt getroffen zu haben oder nicht, spiele dabei keine Rolle. Wer den Schuss abgegeben hat, trägt Verantwortung für das Wild.

Dabei beginnt eine erfolgreiche Nachsuche nicht erst am Anschuss, sondern bereits lange vor dem Schuss. Für Sautter steht das sichere Ansprechen des Wildes an erster Stelle. Ebenso wichtig ist die ehrliche Einschätzung der eigenen Möglichkeiten. „Man muss sich fragen: Kann ich diesen Schuss unter den gegebenen Bedingungen wirklich sicher antragen?“
Als Ziel gilt auch mit Blick auf die Gefahr der Nachsuche immer der Kammerschuss. Herz und Lunge bieten die größte Trefferfläche und ermöglichen im Regelfall ein rasches Verenden des Wildes. Es verbietet sich hingegen der Schuss auf Haupt und Träger – auch weil diese zu besonders langwierigen und schwierigen Nachsuchen führen können.

„Bei einem Unterkiefer- oder Luftröhrentreffer kann das Wild noch erstaunlich mobil sein“, erklärt der Nachsucheführer. Der Bewegungsapparat funktioniert weiterhin uneingeschränkt, während sichtbare Pirschzeichen häufig bereits nach kurzer Zeit ausbleiben. Doch auch ohne für den Menschen ersichtliche Pirschzeichen kann eine Nachsuche erfolgreich sein: „Unsere Hunde arbeiten nicht nur auf Schweiß. Sie folgen der Individualwitterung des Stückes und müssen auch dort weiterarbeiten können, wo für den Menschen keine Fährte mehr erkennbar ist.“

Eine große Rolle spielt mit Blick auf die immer häufiger genutzten Wärmebild-Vorsatzgeräte außerdem die richtige Einschätzung der Entfernung. Gerade bei der Nachtjagd mit dem Wärmebildgerät wird die Distanz zum Wild häufig unterschätzt. „Man glaubt, das Stück stand auf 60 Meter. Hinterher stellt sich heraus, dass es eher 150 oder 200 Meter waren.“ Entsprechend wichtig ist es, die eigenen Grenzen realistisch einzuschätzen und nur Schüsse anzutragen, die unter den gegebenen Bedingungen sicher beherrscht werden. Hilfreich ist es immer, sich die Umgebung bereits bei Tag einzuprägen.

Gerade bei der Nachtjagd mit Wärmebild-Vorsatzgeräten kann es hilfreich sein, die Schussabgabe aufzuzeichnen. Die Aufnahmen ermöglichen es, das Verhalten des Wildes nach dem Treffer noch einmal in Ruhe auszuwerten. Oft lassen sich darauf Details erkennen, die in der Situation selbst übersehen wurden, etwa das Zeichnen des Stückes, der Einschlag der Kugel oder die genaue Fluchtrichtung. Diese Informationen können für die Beurteilung der Trefferlage wertvolle Hinweise liefern und dem Nachsucheführer die Arbeit erleichtern.

Die ersten Sekunden nach dem Schuss
Ist die Kugel aus dem Lauf, richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Verhalten des Wildes. Wie zeichnet das Stück? In welche Richtung flüchtet es? „Viele konzentrieren sich nur auf den Treffer, doch wichtig ist es auch, sich den Punkt des Anschusses genau einzuprägen“, sagt Sautter. Gerade bei Tageslicht helfen markante Geländepunkte dabei, die Stelle später sicher wiederzufinden. Eine Rückegasse, ein besonderer Baum oder eine markante Geländekante können wertvolle Orientierungspunkte sein.

Ebenso wichtig sind die eigenen Beobachtungen unmittelbar nach der Schussabgabe. Nach Erfahrung des Nachsucheführers liegt das Bauchgefühl des Schützen erstaunlich oft richtig. Wer bereits im Moment des Schusses das Gefühl habe, dass die Auflage nicht optimal war oder das Wild nicht sauber stand, behält damit häufig recht.

Auch die Fluchtrichtung sollte nach Möglichkeit beobachtet werden. Vor allem bei mehreren Stücken Wild können solche Beobachtungen später helfen, die Situation besser einzuordnen. Dennoch verlässt sich Sautter nicht allein darauf. „Der Hund arbeitet die Fährte aus. Selbst wenn mir jemand eine Richtung nennt, lasse ich den Hund die Fährte bestätigen.“

Unberührter Anschuss ist Gold wert
Zu den häufigsten Fehlern zählt für Sautter die hektische Eigennachsuche. Immer wieder folgen Schützen unmittelbar nach dem Schuss dem Wild, holen Jagdkameraden hinzu oder setzen selbstständig mehrere Hunde ein. Aus Sicht eines Nachsucheführers ist das nur bedingt hilfreich. „Ein möglichst unberührter Anschuss ist für uns Gold wert“, betont er. Jeder Mensch, der über die Fläche läuft, und jeder Hund, der dort vorab suchen soll, verteilt die wertvollen Spuren auf großer Fläche. Erfahrene Schweißhunde könnten solche Verleitungen meist noch ausarbeiten und die richtige Fährte finden, doch gerade bei schwierigen Treffern oder ungünstiger Witterung steigt der Aufwand – auch der zeitliche – erheblich.

Deshalb lautet sein Rat: Anschuss sichern, Beobachtungen festhalten und möglichst wenig verändern. Gerade wenn keine eindeutigen Pirschzeichen vorhanden sind, ist ein unbelasteter Anschuss für den Nachsucheführer oft wertvoller als eine groß angelegte Suche unmittelbar nach dem Schuss.

Bei Gesellschaftsjagden sind vollständig ausgefüllte Standkarten und Anschussprotokolle eine wichtige Hilfe für Nachsucheführer. Sie dokumentieren Schussabgabe, Fluchtrichtung, beobachtetes Zeichnen des Wildes und weitere Auffälligkeiten. Durch den Abgleich mehrerer Stände lassen sich Bewegungen beschossener Stücke oft nachvollziehen und Suchgebiete gezielt eingrenzen.

„Bei größeren Jagden können Anschusskarten und Standprotokolle enorm wertvoll sein“, sagt Sautter. Häufig ergeben sich erst aus den Beobachtungen mehrerer Schützen Hinweise auf die tatsächliche Fluchtrichtung oder die Trefferlage eines Stückes. Eine sorgfältige Dokumentation erleichtert deshalb die Arbeit der Nachsuchegespanne erheblich.

Wann der Spezialist kommen sollte
Nicht jede Situation erfordert sofort den Nachsucheführer. Gibt es eindeutigen Lungenschweiß und eine klar nachvollziehbare Fluchtfährte, können viele Jäger die Situation mit einem brauchbaren Hund in kurzer Zeit selbst lösten. Anders sieht es aus, wenn die Trefferlage unklar bleibt.

Findet der Schütze jedoch Knochensplitter, Hinweise auf einen Laufschuss oder Anzeichen für einen Weichschuss, sollte frühzeitig Unterstützung angefordert werden. Das gilt auch dann, wenn am Anschuss gar nichts zu finden ist.

„Wir kommen lieber einmal zu viel als einmal zu wenig“, sagt Sautter. Bei einem Fehlschuss kann der erfahrene Schweißhund selbst den Kugelriss finden und die Situation anzeigen – oder eben Anschuss oder Pirschzeichen finden, die den menschlichen Sinnen verborgen bleiben.

In vielen Fällen beginnt die Arbeit zunächst mit einer Vorsuche. Dabei verschafft sich der Nachsucheführer ein Bild von der Situation und beurteilt die Trefferlage. Nicht jede Fährte wird anschließend sofort ausgearbeitet. Einen Hund in die dunkle Nacht in Vorahnung einer Hatz zu schicken, davon rät Sautter dringend ab: „Der Hund sieht nichts, kann nicht ausweichen. Wenn wir Hinweise auf einen Lebertreffer oder wehrhaftes Wild haben, ist die nächtliche Suche besonders für den Hund sehr riskant.“, erklärt Sautter. Tageslicht erhöhe die Sicherheit für Mensch und Hund und ermögliche vielfach eine bessere Beurteilung der Situation.

Der Hund muss arbeiten können
Kommt der Nachsucheführer ins Revier, interessieren ihn zunächst einige grundlegende Informationen: Wann fiel der Schuss? Wurde bereits gesucht? Waren andere Hunde im Einsatz? Wie weit ist der Schütze dem Wild gefolgt?

All diese Angaben helfen dabei, die Ausgangslage richtig einzuschätzen. Auch die Umgebung spielt eine Rolle. Wo verläuft die nächste größere Straße? Gibt es Gefahrenpunkte? Muss damit gerechnet werden, dass das Wild Reviergrenzen überschreitet?
Wer eine Nachsuche begleitet, sollte sich der Situation anpassen. Gute Kondition, geeignete Kleidung und eine Warnweste sind oft unverzichtbar. Je nach Gelände, Witterung und Länge der Fährte können mehrere Kilometer zurückgelegt werden.

Sinnvoll ist es zudem häufig, wenn der Schütze selbst oder eine ortskundige Person unterstützt. Kenntnisse über Fluchtrichtungen, Reviergrenzen, Wechsel oder Gefahrenpunkte können wertvolle Hinweise liefern. Auch organisatorische Unterstützung, etwa beim Umsetzen mit dem Fahrzeug oder bei der Abstimmung mit benachbarten Revieren, kann hilfreich sein.

Hat die eigentliche Nachsuche begonnen, gilt für Begleiter vor allem eines: Ruhe bewahren. Informationen können gerne geteilt werden, ausschweifende Gespräche und lautes Rufen hingegen sollten unterbleiben: Den leise arbeitenden Hund bemerkt das Wild nicht so schnell, laut sprechende Menschen hingegen schon. Und zu viel Unruhe kann dazu führen, dass ein Stück vorzeitig aus dem Wundbett flüchtet.

Ob eine Begleitperson mitgeht, hängt letztlich von der jeweiligen Situation ab. Bei Nachsuchen auf wehrhaftes Wild oder Rotwild ist Sautter jedoch grundsätzlich nicht allein unterwegs. „Solche Nachsuchen führen wir immer zu zweit durch“, erklärt er.

Nicht jede Nachsuche endet erfolgreich
Trotz aller Erfahrung gibt es Situationen, in denen kein Stück zur Strecke kommt. Auch das gehört zur Ehrlichkeit eines Nachsucheführers. Anhand von Pirschzeichen, Fluchtverhalten und Fährtenverlauf lasse sich oft einschätzen, welche Art der Verwundung vorliegt. In manchen Fällen kann es sinnvoll sein, nachdem die Nachsuche erfolglos zu Ende ging, das Gebiet zur Ruhe kommen zu lassen. „Gerade beim territorialen Rehwild kann es vorkommen, dass ein leicht krankgeschossenes Stück nach einigen Tagen wieder an seinem gewohnten Einstand erscheint“, erklärt Sautter. Dann könnte ein erneuter Ansitz Erfolg bringen.

Grundsätzlich gilt jedoch: Aufgeben ist keine Option. Häufig werden weitere Gespanne hinzugezogen oder Kollegen um Unterstützung gebeten. Doch Wunder vollbringen, das kann auch kein Team aus Nachsucheführern.

Tierschutz hat Vorrang
Nachsuchen bedeuten oft stundenlange Arbeit im Revier, schwieriges Gelände und nicht selten auch Risiken für Mensch und Hund. Für Marco Sautter steht deshalb eines an erster Stelle: „Wenn Mensch und Hund gesund nach Hause kommen und wir dem Wild unnötiges Leiden ersparen konnten, dann haben wir unser Ziel erreicht.“

Gerade bei wehrhaftem Wild oder schwierigen Bedingungen ist es wichtig, besonnen zu handeln und die Sicherheit des eingesetzten Hundes immer mitzudenken.

Die Arbeit der Nachsuchegespanne erfolgt mit großem persönlichem Einsatz. Viele Hundeführer investieren erhebliche Zeit sowie Kosten für Ausbildung, Ausrüstung und den Einsatz ihrer Hunde und unser Dank als Schützen muss selbstverständlich sein. Gerne geben wir eine kleine Aufmerksamkeit oder ein Beitrag für Fahrtkosten oder Hundefutter, die von den Nachsucheführern durchaus geschätzt werden. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: „Wir machen das nicht des Geldes wegen“, betont Sautter. Im Mittelpunkt steht immer, dem Wild unnötiges Leiden zu ersparen.

Seine wichtigste Botschaft richtet sich deshalb an alle Jägerinnen und Jäger: „Wer sich entscheidet, einen Schuss abzugeben, muss sich auch für eine mögliche Nachsuche entscheiden.“ Denn die Verantwortung für das Wild endet nicht mit dem Schuss, sondern erst dann, wenn Gewissheit über dessen Verbleib herrscht.

Katharina Daiss (LJV)


Ein dichtes Netz an Nachsuchegespannen gewährleistet eine flächendeckende Versorgung in Baden-Württemberg.

  • 176 anerkannte Nachsuchegespanne
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