Wo kommt Vielfalt her? Genauer gesagt: biologische Vielfalt? Und was ist der Unterschied zwischen Natur- und Kulturlandschaft? Um zu verstehen, warum das Rebhuhn heute selten geworden ist, müssen wir verstehen, wie unsere Landschaft entstanden ist. Zuvor lohnt sich jedoch eine Annäherung an die zugrunde liegenden Begriffe. Der Begriff Natur lässt sich aus verschiedenen Perspektiven definieren. Bei einer philosophischen Definition – nach diesem Naturverständnis wäre Natur die nicht vom Menschen geschaffene oder kontrollierte Welt als Gegenstück zu Kultur und Technik – müssten wir zu dem Schluss kommen, dass es in einer globalisierten Welt keinen Quadratmillimeter gibt, der nicht zumindest indirekt vom Menschen beeinflusst wird. Die ökologische Definition hilft uns hier schon eher: Natur ist demnach das Zusammenspiel von Organismen, Lebensräumen und natürlichen Stoff- und Energieflüssen in einem dynamischen System. Allerdings fehlt der Referenzzeitpunkt.
In puncto biologische Vielfalt macht es durchaus einen Unterschied, ob wir uns den Zustand vor ein paar hundert Jahren anschauen, nach der letzten Eiszeit (vor etwa 11.700 Jahren) oder einer der Warmzeiten davor (120.000 Jahre – 20.000 Jahre). Was wollen wir also schützen? Lassen wir mal die Artenpalette aus Mammut, Wollnashorn und Riesenhirsch, Auerochse, Wisent, Wildpferd, Rothirsch, Elch, Wildschwein oder Waldelefant der letzten Warm- und Eiszeiten beiseite. Es bleiben dennoch eine Reihe von großen Pflanzenfressern, von denen man ausgeht, dass sie die Landschaft in Zentraleuropa nach der letzten Eiszeit deutlich geprägt haben. Bei der Megaherbivoren-Hypothese („Viele große Pflanzenfresser prägen die Landschaft“) geht man davon aus, dass diese große Lichtungen und halboffene Landschaften schafften. Viele Tier- und Pflanzenarten, die sich daran im Laufe der Evolution angepasst hatten, kennen wir aus unseren heutigen Agrarlandschaften. Klimatische Veränderungen und das sukzessive Aussterben der verbliebenen Großherbivoren (lediglich Wisente, Elche und Rothirsche sind in geringem Maße übriggeblieben) führten jedoch zu einer dichten Waldentwicklung.
Öffnung der Wälder
Erst vor rund 7.500 Jahren begannen die Menschen in Mitteleuropa, Wälder für Ackerbau und Viehhaltung zu roden, wodurch nach und nach offene Kulturlandschaften entstanden. Die hohe Vielfalt an Lebensräumen und Arten in der traditionellen Kulturlandschaft entstand überwiegend als Nebenprodukt der Bewirtschaftung. Da Flächen unterschiedlich intensiv genutzt wurden und sich Äcker, Wiesen, Brachen sowie regelmäßig gestörte Bereiche kleinräumig abwechselten, entwickelte sich ein vielfältiges Mosaik verschiedener Lebensräume. Weil den Menschen keine Maschinen zur Verfügung standen und nur die tatsächlich bewirtschaftbaren Flächen genutzt wurden, blieben zudem zahlreiche weniger genutzte oder ungenutzte Bereiche erhalten. Erst mit der Mechanisierung, Flurbereinigung, Entwässerung und Intensivierung der Landwirtschaft seit dem 20. Jahrhundert gingen viele dieser Strukturen und Arten zurück.
Vogel des Jahres 2026
Höchste Zeit, über den Vogel des Jahres 2026 zu sprechen: Das Rebhuhn (Perdix perdix). Das Rebhuhn kommt nicht erst seit der Landwirtschaft, sondern bereits seit sehr langer Zeit natürlich in Europa vor. Fossile Funde in Mitteleuropa belegen sein Vorkommen schon während der Eiszeit beziehungsweise aus Zeiten der Neandertaler. Das Rebhuhn war also bereits lange vor der Entstehung des Ackerbaus in Europa heimisch. Durch die traditionelle Landwirtschaft entstanden später zusätzliche Lebensräume, von denen die Art profitieren konnte. Das Rebhuhn war früher ein typischer und weit verbreiteter Vogel der Agrarlandschaft. Seit Beginn der Industrialisierung sind seine Bestände jedoch drastisch eingebrochen. Die Entwicklung hält nach wie vor an: Europaweit gingen sie seit 1980 um über 90 % zurück. Auch in Deutschland und Baden-Württemberg sind nur noch wenige Restpopulationen vorhanden. Viele Regionen, in denen das Rebhuhn einst häufig war, sind heute verwaist.
Als Hauptursache gilt die Veränderung der Landschaft, insbesondere die Intensivierung der Landwirtschaft. Der Einsatz von Pestiziden verringert das Nahrungsangebot an Insekten, die für die Aufzucht der Küken unverzichtbar sind – direkt (bspw. durch Insektizide) oder indirekt (bspw. durch Herbizide, welche die Wirtspflanzen der Insekten betreffen). Auch intensive mechanische Unkrautregulierung kann indirekt zur Reduktion der Insektenbiomasse führen. Gleichzeitig gingen wichtige Lebensraumstrukturen wie Brachen, Feldraine, Niederhecken und Altgrasstreifen verloren, die dem Rebhuhn Brut- und Rückzugsorte bieten. Hinzu kommen ein enormer Flächenverbrauch durch Infrastrukturmaßnahmen und Bebauung sowie ein erhöhter Prädationsdruck durch Fressfeinde wie Fuchs oder Steinmarder.
Besonders problematisch ist das Zusammenwirken dieser Faktoren: Durch den Verlust strukturreicher Lebensräume werden Rebhühner auf wenige verbleibende Rückzugsorte konzentriert, wo sie leichter von Prädatoren gefunden werden. Der Rückgang des Rebhuhns steht dabei stellvertretend für den allgemeinen Verlust der Biodiversität in der Agrarlandschaft, von dem auch zahlreiche andere Vogel-, Insekten- und Pflanzenarten betroffen sind.
Hoffnung auf Hühner
Doch es gibt Hoffnung. Und Niederwild. In Revieren, die auf wirksame Maßnahmen setzen. Nun kann es nicht das Ziel sein, das Rad zurück auf eine kleinbäuerliche Kulturlandschaft des 18./19. Jahrhunderts zu drehen. Vielmehr braucht es eine moderne Agrarlandschaft mit integrierten Rückzugsräumen und angepassten Prädatorenbeständen. Schafft das die Jägerschaft alleine? Nein. Es braucht zwingend den Schulterschluss zwischen Jagd und Landwirtschaft, idealerweise noch mit dem Naturschutz und weiteren Mitstreitern für kleine Hühnervögel, Feldhasen und Insekten. Biodiversitätsförderung gelingt am besten im Miteinander. Dabei sollten wir Verständnis für die Situation landwirtschaftlicher Betriebe haben, die wirtschaftliche Anforderungen erfüllen müssen. Die Jägerschaft kann als Multiplikator und Fürsprecher fungieren, indem sie den Dialog sucht, Möglichkeiten aufzeigt und für Maßnahmen wie Brachen, Blühflächen und strukturreiche Lebensräume wirbt.
Machen wir es konkret: Im Nordosten der Landeshauptstadt Stuttgart gibt es ein kleines Rebhuhnvorkommen. Aus dem „gibt“ hätte beinahe ein „gab“ gemacht werden müssen, denn das lokale Rebhuhnvorkommen stand kurz vor dem Erlöschen. Ohne Landwirtschaft gäbe es dort keine Rebhühner mehr. Ohne Naturschutz auch nicht. Und ohne Jägerschaft wären die wenigen Hühner erst recht verschwunden. Über Jahre hinweg wurden mehrjährige Blühflächen angelegt, weite Reihen im Getreide mit blühender Untersaat angesät, Feldhecken und -gehölze auf den Stock gesetzt, ein Leinen- und Wegegebot zur Brutzeit ausgerufen und intensiv die Fressfeinde reduziert. Der Erfolg gibt dem Schulterschluss aus Landwirtschaft, Jägerschaft und Naturschutz recht: Der Rebhuhnbestand hat sich in weniger als sieben Jahren verdreifacht. Dabei geht es nicht (nur) um das Rebhuhn. Feldlerchen und weitere Singvögel, Tagfalter, Wildbienenarten, Ackerwildkräuter – die gesamten Lebensgemeinschaften haben von diesem ganzheitlichen Ansatz profitiert.
„Z“ wie Ziel
Die biologische Vielfalt unserer Kulturlandschaft ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines jahrtausendelangen Zusammenspiels von Mensch und Natur. Der Rückgang des Rebhuhns zeigt exemplarisch, wie stark viele Arten unter dem Verlust strukturreicher Lebensräume leiden. Gleichzeitig beweisen erfolgreiche Projekte, dass Biodiversität gefördert werden kann, wenn Landwirtschaft, Jägerschaft und Naturschutz gemeinsam handeln.
Ziel muss daher eine moderne, produktive Agrarlandschaft sein, die Raum für wirtschaftliche Nutzung und für Artenvielfalt gleichermaßen bietet – denn nur im Schulterschluss lassen sich Lebensräume erhalten und die Vielfalt unserer Kulturlandschaft bewahren.
Das Rebhuhn braucht Maßnahmen, die wirken, und Menschen, die Verantwortung übernehmen. Wir Jägerinnen und Jäger können dazu entscheidend beitragen: durch mehrjährige lebensraumverbessernde Maßnahmen, ein effektives Prädatorenmanagement sowie ein begleitendes Monitoring – im Dialog mit Landwirtschaft, Wissenschaft und Naturschutz. Nutzen wir diese Möglichkeiten, damit das Rebhuhn auch künftig Teil einer funktionsfähigen Kulturlandschaft bleibt.
René Greiner (LJV)

