Warum wiederkäuendes Schalenwild im Winter Ruhe braucht

Rothirsch und Rehwild zwischen Energiesparen, Tourismus und verlängerten Jagdzeiten.

Erstellt am

Ein Januarabend im verschneiten Schwarzwald. Ein Spießer liegt regungslos im Einstand, Schnee bedeckt seine gut isolierte Winterdecke. Plötzlich: Stimmen, das Knirschen von Schneeschuhen abseits der Wege. Der Hirsch springt auf, flüchtet durch den kniehohen Schnee. Was für den Wanderer ein kurzer Moment ist, kostet das Tier wertvolle Energie. Auch wenn diese Härte der Winter in den letzten Jahren nachgelassen hat, stellt diese Jahreszeit unsere Wildtiere doch immer noch vor Herausforderungen.

Sparmodus im Körper
Unsere Schalenwildarten haben erstaunliche Strategien entwickelt, um die nahrungsarme Winterzeit zu überstehen. Wenn die Tage kürzer werden, ändert sich der Rhythmus des Rotwilds: Nach dem Aufbau wichtiger Feistreserven in der warmen Jahreszeit fahren die Tiere ihren Energiebedarf ab Mitte Dezember herunter. Das Tageslicht gibt dabei das Signal, ab der Wintersonnenwende gut ein Drittel weniger zu fressen. Gleichzeitig schrumpft das Fassungsvermögen des Pansens um etwa 40 Prozent. Der Stoffwechsel von Wiederkäuern funktioniert nur innerhalb eines bestimmten Temperaturbereichs richtig. Besonders wichtig ist dabei die Temperatur im Inneren des Körpers, wo Herz, Leber und Pansen liegen. Die äußeren Körperbereiche, z. B. die Läufe, können aus Energiespargründen weniger mit Wärme versorgt werden. Durch nächtliche Stoffwechselabsenkung verringert sich der Energieverbrauch sogar noch mehr. Im Spätwinter erreicht der Gesamtenergieverbrauch nur noch etwa 40 Prozent des Jahreshöchstwertes im Frühsommer. Auch beim Rehwild sinkt der Grundumsatz im Winter auf ungefähr die Hälfte des Sommerniveaus; sie schalten von einem aufbauenden (Reserven anlegen) auf einen abbauenden Stoffwechsel (Reserven nutzen) um und nehmen selbst bei reichlicher Äsung deutlich weniger auf.

Störung kostet – messbar
Dieses Energiesparsystem funktioniert nur bei Ruhe. Jede Störung – durch Wanderer, Mountainbiker oder die Jagd – zwingt das Wild, seinen Stoffwechsel hochzufahren. Beunruhigtes Wild verbraucht etwa 30 Prozent mehr Energie als ungestörte Stücke. Wärme und damit Energie muss wieder in die Muskeln der Läufe fließen. Die Flucht ist dadurch energieaufwändig, eine Kompensation der verlorenen Zeit durch vermehrtes Äsen oft nicht möglich. Besonders problematisch: Wenn der Waldbesuch abseits der Wege stattfindet und gleichzeitig hoher Jagddruck herrscht, schätzt das Wild den Freizeitnutzer nicht mehr als harmlos ein und flüchtet. Dass dies messbare Spuren hinterlässt, wissen wir seit einigen Jahren. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg untersuchte Stresshormone in Losungen von Rothirschen. Die Abbauprodukte des Stresshormons Cortisol lassen sich neben der Losung auch in Haaren nachweisen und zeigen die länger anhaltenden Auswirkungen von Störungen.

Additive Effekte – und ein Dilemma
Im Winter treffen mehrere Stressoren zusammen: niedrige Temperaturen, Schneelagen, knappe Nahrung, reduzierte Deckung im Laubwald – und zusätzlich Tourismus und Jagd. Diese additiven Effekte sind besonders kritisch. Hinzu kommt für uns ein weiteres Dilemma: Erhöhte Störung durch Tourismus und Jagd führt dazu, dass Wildtiere in weniger gestörte, deckungsreiche Bereiche ausweichen. Das Wild weicht aus – aber der Raum wird enger. Das Schalenwild konzentriert sich in den Einständen – was dort wiederum zu erhöhtem Verbissdruck und Schäle führen kann. Ein Spannungsfeld zwischen Waldverjüngung und Wildruhe.

Ruhe im Revier – das oberste Gebot
Die Frage nach Jagdzeiten stellt sich unter diesem Gesichtspunkt immer wieder. Jagdliche Störungen im Januar verhindern, dass die Tiere ihre Energiesparprogramme voll umsetzen können. Die unausweichliche Folge der Bejagung im Winter ist ein erhöhter Nahrungsbedarf und damit erhöhter Druck auf die Waldvegetation. Unsere Schalenwildarten haben perfekte Winterstrategien entwickelt. Sie senken ihren Stoffwechsel, bauen ihren Verdauungstrakt um, reduzieren ihre Aktivität. Aber diese Anpassungen können nur greifen, wenn wir dem Wild die nötige Ruhe gönnen. Ansätze zur Besucherlenkung und angepassten Bejagung existieren seit vielen Jahren. Wenn wir sie nutzen, geben wir Hirsch, Reh und Gams die Chance, ihre bewährten Überlebensstrategien umzusetzen.

Robin Sandfort
Wildbiologe und Naturfotograf